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«Der Ausnahmezustand wurde zur neuen Normalität»

«Der Ausnahmezustand wurde zur neuen Normalität» «Der Ausnahmezustand wurde zur neuen Normalität»
Raffael Bosshard, Rektor der Schulen Einsiedeln, steht Red und Antwort über die ersten 200 Tage in seiner Amtszeit. Der 39-jährige Abteilungsleiter

Raffael Bosshard, Rektor der Schulen Einsiedeln, steht Red und Antwort über die ersten 200 Tage in seiner Amtszeit. Der 39-jährige Abteilungsleiter Bildung und Kultur wirft einen Blick aufs kommende Schuljahr: Er hofft, dass die Covid-19-Epidemie früher oder später ad acta gelegt werden kann und das Virus nicht zur neuen Normalität wird.

MAGNUS LEIBUNDGUT

Wie fällt Ihr Rückblick auf Ihr erstes Semester als Rektor der Schulen Einsiedeln aus? Es war eine wirklich sehr intensive, aber auch interessante Zeit an den Schulen Einsiedeln. Rückblickend bin ich froh, dass ich im Dezember 2019 in Einsiedeln starten konnte, um die Schulen bis Mitte März im organisierten Alltagsbetrieb kennenzulernen. Es ist eine grosse Schule, und entsprechend vielseitig sind die zu bearbeitenden Themen. Mit dem Lockdown stellte sich dann gewissermassen eine neue Realität ein. Wie haben Sie die Turbulenzen rund um das Coronavirus in den Schulen erlebt? Der Ausnahmezustand wurde zur neuen Normalität. Zu Beginn des Kalenderjahres 2020 war es für uns alle beinahe unvorstellbar, dass ein Virus unseren Alltag so weitreichend beeinflussen könnte. Mit vereinten Kräften und motivierten Mitarbeitenden gelang es den Schulen Einsiedeln, aus der unbekannten Situation Neues zu schaffen und tragbare Lösungen zu generieren. Rückblickend gesehen erlebte ich diese Zeit als eine wertvolle Bereicherung, unter anderem auch in Bezug auf die Zusammenarbeit mit den Schulleitungen, der Schulverwaltung, dem Schulpräsidenten und den vielen weiteren an der Schule tätigen Personen.

Welche Arbeiten sind im Vordergrund gestanden?

Wir mussten in kurzer Zeit nach konstruktiven und tragfähigen Lösungen suchen. Die Schulleitungen standen in intensivem Kontakt mit den Lehrpersonen, die mit grossem Ideenreichtum, viel Motivation und letztlich auch mit grossem Durchhaltevermögen den Fernunterricht für die Schülerinnen und Schüler aufgleisten.

Welche Schwierigkeiten kamen auf die Lehrerschaft zu, als sie von einem Tag auf den anderen den Schulbetrieb auf online umstellen mussten? Bildung ist in gewisser Hinsicht ein «Beziehungsgeschäft». Die persönliche Beziehung von der Lehrperson zu den Lernenden ist wichtig. Mit den Schülerinnen und Schülern in Kontakt zu sein, war daher eine wichtige und zugleich eine herausfordernde Komponente. In kurzer Zeit mussten digitale Kommunikationswege eingerichtet und angewandt werden. Neben dem Aufbau der Anwendungskompetenzen war beispielsweise auf der Oberstufe der Fernunterricht mit einem hohen internen Koordinationsaufwand verbunden, da jeweils mehrere Personen in einer Klasse unterrichten. Wie hat sich der schulische Alltag der Kinder und Lehrer verändert?

Letztlich wurden die Schüler wie auch der ganze Lehrkörper stark gefordert. Lehrpersonen standen vor der Herausforderung, ihre Lerninhalte über die Distanz stufengerecht und möglichst einfach zu vermitteln, während Kinder und Jugendliche plötzlich für die Strukturierung von Teilen ihres Tagesablaufes selbstständig verantwortlich waren. In welcher Form wird die Digitalisierung nun verstärkt Einzug halten im Schulwesen? Unabhängig vom Fernunterricht hatten wir vorgängig schon mit der Arbeit an einem neuen ICT-Konzept begonnen. Die Covid- 19-Situation hat aber sicherlich aufgezeigt, dass die Digitalisierung deutlichen Einfluss auf die Schule hat und neben Endgeräten eben auch angepasste Unterrichtssettings notwendig sind. Die vielen gemachten Erfahrungen während des Lockdowns werden uns im neuen Schuljahr helfen, die Entwicklung im ICT-Bereich voranzubringen.

Gab es Schüler, die aufgrund des Lockdowns in Rückstand geraten sind und gibt es die Möglichkeit, dass dieser wieder aufgeholt werden kann? Man ist ursprünglich von deutlicheren Leistungsunterschieden ausgegangen. Natürlich waren die Lernfortschritte während der Fernunterrichtsphase unterschiedlich gross. Letztlich konnte aber ein positives Fazit in Bezug auf den Leistungsstand der Lernenden gezogen werden. Hinzu kommt, dass mögliche Kompetenzlücken dank der Ausrichtung des Lehrplans auf Zyklen zu einem späteren Zeitpunkt aufgearbeitet werden können. Sind an den Schulen Einsiedeln, bei Schülern oder Lehrern, Ansteckungen mit dem Coronavirus aufgetreten?

Bisher ist es noch zu keinen Ansteckungen mit dem Coronavirus gekommen. Ich halte weiterhin die Daumen gedrückt.

Mussten Lehrer im Klosterdorf ersetzt werden, die nach dem Lockout nicht mehr an die Schulen zurückkehren wollten wegen des Coronavirus? Es war eigentlich eher das Gegenteil der Fall. Es gab keine Lehrpersonen, die nicht mehr zurückkehren wollten. Aber wir hatten einzelne Lehrpersonen, die zu der Risikogruppe gehören und dennoch unterrichten wollten. Da wir unseren Lehrpersonen gegenüber natürlich eine Fürsorgepflicht haben, mussten wir in diesen Fällen entsprechende Lösungen suchen. Die Einstellung unserer Lehrpersonen hat mich diesbezüglich beeindruckt. Wie hat sich das Coronavirus auf die Relegation der Schüler, auf den Übertritt in die nächste Klasse ausgewirkt? Es war uns ein Anliegen, dass die Lockdown-Phase keine negativen Auswirkungen auf den Promotionsverlauf der Schülerinnen und Schülern hat. Rückstellungen wurden beispielsweise auf Einzelfälle beschränkt und umsichtig behandelt. Wie würden Sie die Folgen beschreiben, die das Virus auf den Eintritt der Sekundarschüler in das Berufsleben hatte? Für jene Schüler, die jetzt in die Berufswelt übertreten, kann die Phase des Fernunterrichts beispielsweise in Bezug auf die Selbstständigkeit durchaus positive Effekte haben. Für Lernende, die sich im kommenden Schuljahr auf Lehrstellensuche begeben, stellt sich die Situation eventuell anspruchsvoller dar, da die aktuelle wirtschaftliche Lage auch Auswirkungen auf den Lehrstellenmarkt haben kann. Noch kann diese Situation aber nicht abschliessend eingeschätzt werden.

Nun enden die Sommerferien. Kann unter den aktuellen Umständen der Präsenzunterricht in den Schulen wieder losgehen? Ja. Mit der Aufhebung der ausserordentlichen Lage per 22. Juni wurde die Schulhoheit wieder vollständig den Kantonen zurückgegeben. In Umsetzung dieser Zuständigkeit hat die EDK den Grundsatzentscheid getroffen, dass das kommende Schuljahr 2020/21 als reguläres Schuljahr gelten soll, in dem die kantonalen Regelungen zu Lehrplan, Lehrmitteln, Lernförderung, Beurteilung sowie zu Promotions- und Übertrittsverfahren uneingeschränkt Gültigkeit haben. Basierend auf diesem Entscheid plant das Bildungsdepartement des Kantons Schwyz die Aufnahme des Schulbetriebs nach den Sommerferien unter Einhaltung des kantonalen Schutzkonzepts wieder im Vollbetrieb. Rechnen Sie damit, dass an den Schulen eine Maskenpflicht eingeführt werden könnte? Wir müssen dies in Betracht ziehen. Ich gehe zurzeit aber nicht davon aus, dass die Volksschule von dieser Maskenpflicht betroffen sein wird – und wenn, dann wäre die Maskenpflicht wahrscheinlich nur eine Option für die Sekundarstufe. Zentral ist sicherlich, wie sich die Fallzahlen weiterentwickeln. Wie gehen Sie damit um, wenn im Winter halbe Schulklassen husten und keiner mehr weiss, wer jetzt das Coronavirus hat und wer nur einen grippalen Infekt? Es handelt sich dabei um eine Fragestellung, von der alle Schulen in gleicher Weise betroffen sind. Es ist davon auszugehen, dass sich die kantonalen Behörden solchen Fragestellungen annehmen werden, wenn die Situation dies erfordern würde. Haben Sie bereits spezielle Wintermassnahmen an den Schulen Einsiedeln in petto? Nein. Wir stehen aber mit dem Amt für Volksschulen und Sport in engem Kontakt. Falls sich zeigen würde, dass in den Wintermonaten die Schutzmassnahmen ausgebaut werden müssen, dann werden die kantonalen Stellen entsprechende Schritte einleiten. Wird es Ihrer Meinung nach irgendwann wieder eine Rückkehr in eine Normalität an den Schulen geben? Das ist eine gute Frage. Ich hoffe es sehr, dass wir die Covid- 19-Epidemie früher oder später ad acta legen können – und das Virus nicht zur neuen Normalität wird.

Raffael Bosshard, Rektor der Schulen Einsiedeln: «Ich gehe nicht davon aus, dass die Volksschule von der Maskenpflicht betroffen sein wird – und wenn, dann wäre die Maskenpflicht wahrscheinlich nur eine Option für die Sekundarstufe.» Foto: Magnus Leibundgut

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