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«Engel sind Geistwesen aus einer transzendenten Welt»

«Engel sind Geistwesen aus einer transzendenten Welt» «Engel sind Geistwesen aus einer transzendenten Welt»

Im Kloster Einsiedeln wird morgen die Engelweihe gefeiert. Warum dies so ein wichtiger Feiertag ist, und was Engel eigentlich für Wesen sind, erklärt Pater Philipp im Gespräch.

WOLFGANG HOLZ

Pater Philipp, warum ist die Engelweihe der wichtigste Feiertag in Einsiedeln?

Die Engelweihe ist nicht der wichtigste Feiertag in Einsiedeln. Weihnachten und Ostern sind viel bedeutungsvoller. Aber das Weihefest der Gnadenkapelle gehört quasi zu unserer «DNA» und ist Teil der Identität von Kloster und Wallfahrtsort Einsiedeln. Gemäss einer mittelalterlichen Legende hat Christus in Gegenwart von Engeln und Heiligen die Kapelle selbst geweiht. Die Legende hat Einsiedeln im Mittelalter eine magnetische Wirkung auf Pilger beschert. Was sind Engel eigentlich für Wesen? Einerseits gelten sie als unsterblich, andererseits haben sie menschliche Züge. Engel sind Geistwesen und gehören zur transzendenten Welt. Sie sind deshalb nicht darstellbar. Dass sie dennoch wie menschliche Wesen mit Flügel am Rücken dargestellt werden, ist das Produkt unserer Fantasie. Warum sind nur Männer Engel?

Weil Engel von Gott geschaffen sind und sich nicht fortpflanzen, haben sie wohl kein Geschlecht. Ich vermute, die männliche Darstellungsweise hängt mit den in der Bibel überlieferten Engelnamen zusammen, die allesamt männlich besetzt sind: Michael, Gabriel und Rafael. Engel gehören gemäss Bibel zu den himmlischen Heerscharen. Das klingt so militärisch. Bei «Heerscharen» handelt es sich um eine Begrifflichkeit, die ausdrücken will, dass es sich um eine grosse Anzahl Engel handelt. Engel marschieren aber sicher nicht in Reih und Glied … Die meisten Leute kennen und schätzen den Schutzengel und sind sich sicher, dass er ihnen schon im einen oder anderen Fall Glück gebracht hat. Andererseits: Kommen Schutzengel in der Bibel überhaupt vor? Jeder Mensch hat einen Schutzengel. Jesus sagt im Neuen Testament, dass jedes Kind über einen Schutzengel verfügt. Ich denke, dass uns der Engel nicht verlässt, wenn wir erwachsen werden. Wie gut beschützen uns unsere Schutzengel denn? Es gibt den witzigen Spruch: «Fahre nicht schneller, als dein Schutzengel fliegen kann!» Unser Engel beschützt uns wohl kaum vor unserer eigenen Unvernunft oder nimmt uns unsere Verantwortung ab.

Wie menschlich sind Engel? Im Filmklassiker «Der Himmel über Berlin» von Wim Wenders begleiten zwei Engel die Menschen in der geteilten Stadt. Als sich einer der beiden Engel – Bruno Ganz – in eine Trapezkünstlerin verliebt, entschliesst er sich, Mensch zu werden. Das ist eine wunderbare Geschichte, die zeigt, dass die Liebe das höchste Gut ist. Engel sind Zeugen der Liebe Gottes. Wenn man durch die Klosterkirche wandelt, fallen einem zwei Arten Engel auf: Weisse, die artistisch in den Höhen schweben, und sogenannte Putten, Engelchen, die ihren Schabernack zu treiben scheinen. Ein Putto trägt frech die Mitra des Abts. Parodieren Putten Engel? Parodieren würde ich nicht sagen. Sie sind aber typische Verniedlichungen der Barockzeit. In der Romanik und Gotik wurden Engel als erhabene Wesen dargestellt. Die barocken Putten wirken dagegen verspielt und sinnlich. Die vielen Engel und Putten in der Klosterkirche zeigen uns: Wenn wir beten und Gottesdienst feiern, dann öffnet sich der Himmel über uns und wir können Teil dieser himmlischen Gemeinschaft werden. Menschen scheinen gerne Engel zu imitieren– im Kinderspiel «Engeli, Engeli, flieg» oder als Figur im frisch gefallenen Schnee. Es gibt auch viele Beizen zum Engel: Woher kommt der Wunsch, ein Engel zu sein? Das ist sicher Ausdruck unserer Sehnsucht, Teil einer heilen Welt sein zu wollen. Die Engel stehen für die Hoffnung, dass am Ende alles gut kommt. Und wie ist Ihr Verhältnis zu kitschigen Rauschgoldengeln? Die Darstellung von Engeln ist mir nicht so wichtig. Entscheidend ist, dass ich einen persönlichen Draht zu den Engeln, den Boten Gottes, habe. Und dass ich einst Teil der himmlischen Welt sein darf. Dann lasse ich mich gerne überraschen, wie die Engel wirklich aussehen.

Foto: Wolfgang Holz

Pater Philipp

Jahrgang: 1985 Wohnort: Einsiedeln Beruf: Wallfahrtspater Hobbys: Lesen, Velo Natur

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