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«Ich hoffe auf friedsamere Zeiten in der Kirchenpolitik»

«Ich hoffe auf friedsamere  Zeiten in der Kirchenpolitik» «Ich hoffe auf friedsamere  Zeiten in der Kirchenpolitik»

Am Sonntag übernimmt Peter Camenzind das Generalvikariat der Urschweiz in Ingenbohl definitiv. Der 60-jährige Priester und Weltgeistliche steht Red und Antwort zu den Herausforderungen dieses Amtes und spricht über die Zukunft der Kirche in Zeiten eines Schwindens des christlichen Glaubens.

MAGNUS LEIBUNDGUT

Am 1. August treten Sie Ihr neues Amt als Generalvikar der Urschweiz an. Welche Aufgaben erwarten Sie? Ich wirke als Stellvertreter des Bischofs in den vier Kantonen Schwyz, Uri, Obwalden und Nidwalden und versuche, eine Einheit in pastoralen und liturgischen Fragen zu verfolgen: Auf dass sich die Kantone in Glaubensfragen nicht zu weit auseinanderdividieren lassen. Ich muss Grenzen setzen und schlage hierbei einen pragmatischen Weg ein: Ich werde also Frauen nicht das Predigen verbieten, aber dafür sorgen, dass sie über die dafür notwendige Ausbildung verfügen. Ich bin in erster Linie Vorgesetzter des kirchlichen Personals, unterstütze, ermuntere und ermahne dieses. Unterstützt werde ich hierbei von Brigitte Fischer Züger, die dem Churer Bischofsrat angehört und zusammen mit Diakon Urs Länzlinger die Personalabteilung führt. Welche speziellen Herausforderungen bringt das Amt mit sich? Ich muss mich auf verschiedene Situationen einstellen: Je nach Kanton ist die Landeskirche schwächer oder stärker positioniert. Im Kanton Schwyz zum Beispiel fällt auf, dass die Kirchgemeinden autonom agieren. Fusionen werden zum Thema. Es werden sich Seelsorgeräume bilden und vereinigen. Fusionen von Kirchgemeinden werden eher die Ausnahme bleiben. Naturgemäss bin ich auch als Seelsorger gefordert: Wenn ich etwa Priester in einem Burnout vor Ort zu betreuen habe. Erkennen Sie besondere Konfliktlinien, die das Amt mit sich bringt? Als Generalvikar ist man eine öffentliche Person, die inmitten der Medienlandschaft steht: Von daher bin ich von Grund auf in eine konfliktträchtige Situation gestellt. Mein Ziel bleibt es, nichts und niemanden auseinanderdividieren zu lassen, auf dass man sich nicht gegenseitig aufs Glatteis führe. Ich sehe meine Rolle weniger als Agent oder Manager, sondern vielmehr als Mediator oder Coach. Mir persönlich liegt das Versöhnen näher als das Polarisieren. Sie üben das Amt seit über einem Jahr ad interim aus: Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Ich führe das Amt interimistisch seit dem 1. Mai 2020 aus und habe gute, überaus erfreuliche Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit den fünf Dekanen und der Personalverantwortlichen Brigitte Fischer Züger machen dürfen. Darauf lässt sich aufbauen! Sie sind mit Haut und Haar und ganzem Herzen Pfarrer. Wie schaffen Sie den Spagat zum Managerposten?

Ein Pfarrer oder Pfarradministrator in der heutigen Zeit ist an sich so etwas wie ein Manager: Er muss sich einem umfassenden Mix von Tätigkeiten stellen und ist ausreichend mit Verwaltungs- und Leitungsaufgaben eingedeckt. Von daher betrachtet ist denn ein Sprung vom Pfarrer zum Generalvikar wiederum nicht ganz so weit. Ich sehe mich in der Nachfolge Christi. Jesus hat nicht nur gepredigt und gefeiert, er hat auch die Apostel geführt und geleitet. Mussten Sie das neue Amt quasi nolens volens annehmen? Ich bin dem Bischof gegenüber dem Gehorsam verpflichtet. Rein kirchenrechtlich betrachtet könnte mich der Bischof theoretisch in der Tat zur Ausübung dieses Amtes zwingen. In der Praxis geschieht dies aber nicht. Der Bischof hat mich vielmehr gefragt, ob ich bereit und willens sei, dieses Amt anzunehmen. Ja zu sagen zu diesem Amt fiel mir nicht ganz leicht: Aus meiner Sicht hätte es für das Generalvikariat geeignetere Kandidaten gegeben. Nachdem ich schliesslich Ja gesagt habe zu diesem Amt, habe ich innerlich meinen Frieden gefunden.

Sie feiern gerne Gottesdienste: Bleibt da noch Zeit für ein seelsorgerisches Pensum? Ich werde weiterhin sonntags Gottesdienste in der Kirchgemeinde Schwyz feiern, da ja dort ein Pfarrer fehlt. Ich werde weiterhin seelsorgerlich tätig sein. Mehr mit den kirchlichen Angestellten als mit den einfachen Gläubigen. Ich werde weiterin Taufen, Trauen und Bestatten können.

Was wird Ihnen am meisten fehlen aus Ihren früheren seelsorgerlichen Aufgaben? Was sicher zu kurz kommen wird in der Zukunft, sind Feiern mit den Kindern, was mir sehr fehlen wird. Ich habe jüngst eindrückliche Momente erleben dürfen bei Erstbeichten von Kindern. Aber als Generalvikar werde ich naturgemäss keine Zeit mehr für Erstkommunionen, Schulgottesdienste, Kinderlager und Einsätze für Jungwacht und Blauring haben. Immerhin bleibt mir noch ein Sakrament erhalten: Ich werde in der Urschweiz Jugendliche firmen. Wie geht es in den drei Pfarreien im Schwyzer Talkessel weiter nach Ihrem Abgang? Ich werde als Pfarradministrator für die drei Pfarreien weiterhin im Einsatz stehen. Als erstes werde ich mich auf die Suche nach einem Nachfolger für meine Pfarrstelle machen. Ich rechne damit, dass meine bisherige Stelle als Pfarrer in Schwyz ab dem Sommer 2022 besetzt sein wird. Es ist kein einfaches Unterfangen,einen Pfarrer für Schwyz, eine grosse und unübersichtliche Pfarrei, zu finden. In der Regel ist es einfacher, für eine kleinere Pfarrei einen Geistlichen zu finden. Weiterhin wirken der Vikar Andreas Egli und ein mitarbeitender Priester in Schwyz. Hinzu kommen Aushilfen für die Gottesdienste. Vermehrt werden Wortgottesdienste gefeiert werden, für die es ja keine Priester braucht. Wie sieht die Zukunft der Kirche mit dem sich verschärfenden Priestermangel aus? Der Priestermangel in der Kirche bereitet viele Sorgen. Ich sehe keine Trendwende, auf dass zukünftig der Kirche wieder mehr Nachwuchs zur Verfügung stehen würde. Das liegt vor allem darin, dass die Kirche ihr Charisma, ihre Ausstrahlung, ihre Anziehungskraft verloren hat. Man erwartet von der Kirche kaum mehr etwas. Die Menschen suchen noch immer nach Gott, aber sie suchen Gott nicht mehr in der Kirche. Traurig macht mich vor allem die Situation in den Klöstern. Wenn das so weitergeht mit dem ausbleibenden Ordensnachwuchs, werden viele Klöster bis in zwanzig Jahren aufgegeben werden müssen. Könnte eine «umgekehrte Mission » das Problem des überhandnehmenden Priestermangels in der katholischen Kirche lösen? Wir haben gute Erfahrungen mit Priestern aus Afrika und Indien gemacht, die ein Stück weit den Priestermangel in den Pfarreien hierzulande kompensieren können. In der Mission kann man durchaus von einem Geben und Nehmen sprechen. Gewisse Probleme stellen sich dahingehend ein, dass sich die «importierten » Geistlichen hierzulande anpassen müssen, weil in ihren Ursprungsländern die Kirche einen ganz anderen Stellenwert hat, viel stärker in Erscheinung tritt. Und natürlich ist die umgekehrte Mission keine Lösung für immer.

Welche Gründe liegen vor, dass sich nur noch wenige für kirchliche Berufe interessieren? Das Ansehen der Kirche hat insgesamt ganz klar gelitten: Es ist einfach unattraktiv, heutzutage für die Kirche im Einsatz zu stehen. Vorbei sind die Zeiten, als sich die Kirche in einer glanzvollen Vergangenheit sonnen und von ihrer Machtausbreitung profitieren konnte. Die katholische Kirche kommt mir vor wie eine alte Königin: Die Leute sind froh, wenn sie noch da ist, aber möglichst wenig zu sagen hat. Hinzu kommen die vielen Missbrauchsfälle. Diese haben der Kirche ganz besonders geschadet.

Wäre es an der Zeit, den Zölibat abzuschaffen und das Frauenpriestertum einzuführen? Nein, das würde der Kirche keine Trendwende bringen. In der reformierten Kirche, die keinen Zölibat kennt und in der Frauen Pfarrerin werden können, sinken die Mitgliederzahlen noch stärker als in der katholischen Kirche. Und einen freiwilligen Zölibat einzuführen, wäre genauso wenig zielführend, wie die Situation in den Klöstern aufzeigt: Diese bekommen nicht mehr Nachwuchs, nur weil der Zölibat dort freiwillig ist. In der Kirchenpolitik ist unter dem früheren Bischof mit harten Bandagen gekämpft worden. Sind diese Kämpfe nun mit dem neuen Bischof vorbei? Ja, das glaube ich. Ich hoffe in der Tat auf friedsamere Zeiten in der Kirchenpolitik des Bistums Chur. Ich wünsche mir, dass die unterlegenen Parteien ihre Niederlage annehmen können. Wobei ich nicht gerne von verschiedenen «Lagern» spreche, weil das impliziert, dass es da eine Einheit geben würde in einem bestimmten Lager. Dem ist aber nicht so. Vielmehr würde ich von Spannungen zwischen verschiedenen Kräften sprechen. Ziel ist es, eine Einheit zwischen diesen verschiedenen Kräften herzustellen.

Sind die Querelen rund um die Kirchgemeinde in Alpthal zu einem Ende gekommen? Ja. Alpthal hat mit dem Unteriberger Armando Auf der Maur wieder einen Priester gefunden. Es gibt nach dem Abgang des Pfarradministrators Georg Rabeneck allerdings noch Altlasten in Sachen Renovation des Pfarrhauses zu bereinigen: In einer kommenden Kirchgemeindeversammlung wird der Kirchenrat den Kirchbürgern eine neue Vorlage präsentieren. Einerseits muss das renovierte Pfarrhaus dem Pfarrer ausreichend Platz verschaffen, andererseits ist die Kirchgemeinde aus finanziellen Gründen darauf angewiesen, Teil des Hauses vermieten zu können. Auch Rothenthurm ist fündig geworden: Nach 13 Jahren als Pfarrer von Erstfeld wechselt Viktor Hürlimann (52) in die Kirchgemeinde Rothenthurm. Woran liegt es, dass der christliche Glauben immer mehr zu verdunsten scheint? Wenn wir eine Antwort auf Ihre Frage wüssten, hätten wir bereits die Lösung für das Problem (lacht). In der Tat stellt sich die Frage: Was fehlt der Kirche? Was läuft nicht gut? Was scheint nicht so richtig in Gang zu kommen? Der Mensch ist immer noch ein religiöses Wesen, das nach Gott sucht. Aber die Alternativangebote nehmen überhand: Es boomen die Esoterik, Yoga, Schamanismus, Spiritualität in allen Facetten. Vieles davon findet in einem Graubereich statt. Individualismus und Säkularismus machen überdies dem christlichen Glauben, der dem Kirchenwesen zu Grunde liegt, den Garaus. Die Kirche hat sich in der Vergangenheit zu machtbewusst verhalten, weil sie gewissermassen das Monopol in Glaubensfragen hatte. Die Kirche muss wieder von Jesus lernen, sich wieder auf die Menschen hinzubewegen und eine Form finden, welche die Menschen anspricht.

«Die Menschen suchen noch immer nach Gott. Aber sie suchen Gott nicht mehr in der Kirche.» «Das Ansehen der Kirche hat gelitten. Es ist unattraktiv, heutzutage für die Kirche im Einsatz zu stehen.»

Peter Camenzind wird nebst dem Generalvikariat der Urschweiz auch noch das Amt als Pfarradministrator in den drei Pfarreien im Schwyzer Talkessel (Schwyz, Ibach und Seewen) ausüben.

Foto: Magnus Leibundgut

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