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«Man soll auch rollend ins Klosterdorf pilgern können»

«Man soll auch rollend ins  Klosterdorf pilgern können» «Man soll auch rollend ins  Klosterdorf pilgern können»

Das Projekt «Auf vier Rädern zur Schwarzen Madonna» ist gestartet. Wie in den kommenden Jahren Rollstuhlfahrer auf dem Jakobsweg von Konstanz nach Einsiedeln pilgern können, schildert Hildegard Hochstrasser (Projektkoordination und Kommunikation).

MAGNUS LEIBUNDGUT

Was verbirgt sich hinter dem Projekt «Auf vier Rädern zur Schwarzen Madonna»? Am Samstag wurde in Konstanz mit dem Projektstart «Auf vier Rädern zur Schwarzen Madonna » ein neues Kapitel in der Pilgergeschichte der Schweiz aufgeschlagen: Lanciert wurde ein Pilgerweg für Rollstuhlfahrer. Der Weg führt über 150 Kilometer von Konstanz nach Einsiedeln. Wir hoffen, dass wir im Jahr 2023 in Einsiedeln ein grosses Einweihungsfest feiern dürfen. Sinn und Ziel des Projekts: Man soll auch rollend ins Klosterdorf pilgern können. Auf welcher Route verläuft der neue Pilgerweg für Rollstuhlfahrer von Konstanz aus? Wir folgen dem Rhein nach Schaffhausen und von dort dem Zürcher Jakobsweg über die Klosterinsel Rheinau, Winterthur und Rapperswil zum Endpunkt Einsiedeln. Somit fängt die Strecke nicht gleich mit einer Steigung an und man kann langsam beginnen. Highlights wie das Münster in Konstanz, Schaffhausen und natürlich die Kloster- und Musikinsel Rheinau reihen sich aneinander und geben richtig Schub, die mühsameren Strecken zu bewältigen. Ist es realistisch, den neuen Pilgerweg entlang des Schwabenweges von Konstanz nach Einsiedeln zu führen? Diese Wegvariante können wir prüfen, wenn wir Erfahrungen mit «unserem» Weg gemacht haben. Der Schwabenweg steigt ja gleich nach Kreuzlingen an, und das Hörnli hat auch einiges an Höhenmetern zu bieten. Welche Schwierigkeiten stellen sich beim Bau des neuen Weges?

Uns und auch den Behindertenverbänden war klar, dass wir keine grossen baulichen Veränderungen vornehmen können: Hierzu fehlen die finanziellen Möglichkeiten, ganz zu schweigen von den Hürden eines Bewilligungsverfahrens. Wir führen den Weg über Velowege. Wir haben vorgesehen, dass wir Anstossfinanzierungen vornehmen können, wenn der entsprechende Träger des Projekts Anpassungen vornehmen möchte.

Wie können die Rollstuhlfahrer die happige Steigung ins Klosterdorf meistern? Wir werden auf der Webseite von Jakobsweg.ch die GPS-Koordinaten und alle notwendigen Informationen für Rollstuhlfahrer aufschalten: Auch Umsteigemöglichkeiten auf Bus oder Bahn, wenn solche Steigungen anstehen. Ein Rollstuhlfahrer fährt mit einem JST-Multidrive-Rollstuhl die Strecke ab. Er ist zuversichtlich, dass er mit seinem geländegängigen Rollstuhl die Steigung meistert. Dieser Rollstuhl wird an verschiedenen Touristendestinationen in den Bergen eingesetzt, wo er mietweise zur Verfügung steht. Unsere Route führt über Feusisberg und dann zur Tüfelsbrugg, damit die Steigung auf den Meinrad nicht gemacht werden muss. Andernfalls muss der Rollstuhlfahrer dieses Stück mit der Bahn bewältigen.

Das grösste Hindernis stellt sich ausgerechnet am Zielort ein: Über den Klosterplatz führt der Weg für Rollstuhlfahrer auf Messers Schneide, ein Husarenritt par excellence, ein Hindernis- und Spiessrutenlauf. Nun, auch hier sind wir auf die Rückmeldungen unserer Rollstuhlfahrer gespannt und werden ihre Erfahrungen entsprechend dokumentieren. Arbeiten Sie mit dem Verein «IG Hindernisfreier Klosterplatz» zusammen?

Wir kennen Werner Ruch und sein Anliegen. Es sind aber zwei ganz verschiedene Projekte mit einem sehr unterschiedlichen Fokus. Wir möchten ein Pilgererlebnis über mehrere Tage vermitteln und eine Teststrecke zur Verfügung stellen. Befahren viele Pilger im Rollstuhl die Strecke, wird der Druck auf Orte erhöht, die schlecht zugänglich sind. Wir können allenfalls eine Anstossfinanzierung zur Verbesserung der Situation leisten. Eine Lösung müssen die Akteure vor Ort finden. Wie hoch sind die Kosten des Projekts? Wir rechnen mit 215’000 Franken. Wir beginnen bereits mit einer Sammelaktion: Die ersten Briefe gehen schon in dieser Woche raus, die Projektdokumentation ist noch druckfrisch. Wir sind am Samstag mit viel Optimismus gestartet, sind eine hochmotivierte Gruppe und haben bereits ordentlich in Freiwilligenarbeit investiert. Wir sind überzeugt, dass Gönner, Stiftungen und Fonds uns unterstützen werden. Spenden sind willkommen auf IBAN: CH88 0900 0000 1564 8546 1. Die Projektdokumentation kann bei unserem Fundraiser Felice Vögele, Mittlerer Sanzenberg 9, 5467 Fisibach (E-Mail: [email protected] ch) bestellt werden.

Ist man in anderen Ländern bereits weiter bezüglich des Baus eines hindernisfreien Jakobswegs?

Einen sogenannten hindernisfreien Weg nach den Normen der Procap gibt es bei uns und auch im Ausland nicht. Wir eruieren hindernisarme Routen. In Deutschland gibt es von Koblenz einen hindernisarmen Weg nach Konstanz. In Frankreich und Spanien sind es, soweit wir wissen, eher zufällig kleinere Strecken. Wieso harzt es ausgerechnet in der Schweiz mit der Schaffung von hindernisfreien Wegen? Wir würden nicht sagen, dass es in der Schweiz harzt. Unsere Topografie ist nun mal nicht gerade «behindertenfreundlich»… Sie haben es bereits erwähnt mit dem Aufstieg nach Einsiedeln. Wir machen nun den Anfang und werden sehen, ob ein hindernisarmer Pilgerweg Akzeptanz findet. Wenn ja, dann ist der Musterbausatz vorhanden, und wir könnten das Projekt relativ schnell weiterführen.

Wie ist der Verein Jakobsweg auf die Idee gekommen, es sich zur Aufgabe zu machen, Rollstuhlfahrern die Teilhabe am Pilgererlebnis zu ermöglichen? Es war meine persönliche Idee im Rahmen meiner Abschlussarbeit zur Pilgerbegleiterin EJW 2020. Ich schrieb das Vorprojekt «Pilgern ohne Pilgerstab» und fragte den Verein Jakobsweg an, ob er Interesse an der Umsetzung hat. Da Rollstuhlfahrer die Idee auch schon an den Verein herangetragen hatten, setzte der Vorstand eine Projektgruppe ein, die nun an der Umsetzung ist.

Welche Rolle spielt der Ritterorden der Königin des Himmels beim Projekt? Der Orden ist in Konstanz domiziliert und führt die Eröffnungsfeier morgen Samstag in Konstanz durch.

Einsiedeln ist der vorläufige Endpunkt des neuen Pilgerweges für Rollstuhlfahrer. Wohin könnte ein weitergehender Weg vom Klosterdorf aus führen? Wir sammeln jetzt mal mit den unterschiedlichen Rollstuhltypen Erfahrungen und sehen, ob und wie wir über die Haggenegg kommen, sofern an der Weiterführung Interesse besteht. Grundsätzlich möchten wir möglichst nahe an den Originalwegen bleiben: Damit sich Fussund Rollstuhlpilger treffen und die gleichen Sehenswürdigkeiten besuchen können – inklusive Pilgerstempel. Planen Sie eine Feier in Einsiedeln, wenn im Jahr 2023 das letzte Teilstück ins Klosterdorf eröffnet werden wird? Wir werden sicher eine Eröffnungsfeier durchführen und zählen dann auf die Einsiedler Gastfreundschaft.

Wie sind Sie selber zum Pilgern gekommen und welche Erfahrungen haben Sie beim Pilgern gemacht? Zufällig…, wenn es Zufälle gibt. Eine Cousine schenkte mir das Buch «Ich bin dann mal weg» von Hape Kerkeling, was mich zur flapsigen Aussage verleitete, das mach ich auch – ohne die geringste Ahnung zu haben, was das heisst. Da meine Cousine spontan sagte, dann komm ich mit, organisierte ich unsere Tour etappenweise von Konstanz bis nach Santiago de Compostela. Aktuell leider durch Corona unterbrochen, bin ich alleine auf dem Camino del Norte unterwegs. Ich habe insbesondere beim Alleinepilgern nur positive Erfahrungen gemacht und schätzte die Menschen in Nordspanien mit ihrer Kultur und Gastfreundlichkeit sehr. Der Weg lehrt Einfachheit, Dankbarkeit und Demut.

Im Jahr 2023 soll das letzte Teilstück, das auf den Klosterplatz in Einsiedeln führt, mit einer Feier eröffnet werden. Fotos: zvg

Bis anhin die Regel im Klosterdorf: Pilger im Rollstuhl gelangen mit dem Reisecar in das Kloster Einsiedeln. Foto: Victor Kälin

Der Weg ist das Ziel – damit Pilgern zukünftig auch im Rollstuhl möglich ist: Mit dem Projekt «Auf vier Rädern zur Schwarzen Madonna» wird ein Pilgerweg für Rollstuhlfahrende lanciert.

Hildegard Hochstrasser koordiniert das Rollstuhlpilgerprojekt.

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