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«Die Nacht überlassen wir aber lieber dem Schlaf»

«Die Nacht überlassen wir aber lieber dem Schlaf» «Die Nacht überlassen wir aber lieber dem Schlaf»

 

Abt Urban Federer jasst morgen Samstag im Schweizer Fernsehen um den legendären Jasspokal: «Als Promi-Gast beim Samschtig-Jass scheint aber nicht in erster Linie meine Jass-Fähigkeit gefragt zu sein», meint der 52-jährige Vorsteher des Klosters Einsiedeln.

MAGNUS LEIBUNDGUT

Wie kommen Sie ausgerechnet zum Jassen?

Beigebracht haben es mir meine Eltern. Als Promi-Gast beim «Samschtig-Jass» scheint aber nicht in erster Linie meine Jass-Fähigkeit gefragt zu sein (lacht). Sind Sie eine geborene Spielernatur?

Hätte ich mehr Zeit, würde ich gerne spielen. Gerade in dieser Zeit, in der wir nur noch Abstand halten müssen, finde ich solche Spiele extrem wertvoll und verbindend.

Wird auch im Kloster Einsiedeln bis tief in die Nacht hinein gejasst?

Auch bei uns wird gejasst. Die Nacht überlassen wir aber lieber dem Schlaf. Mögen Sie den Differenzler oder hätten Sie lieber den Schieber gespielt? Meine Mitbrüder versuchen mir den Differenzler beizubringen. Nicht ganz einfach für einen, der auch beim Schieber nicht gerne zählt. Gegen wen alles spielen Sie eigentlich morgen Samstag? Gegen die amtierende Jasskönigin oder den Jasskönig, gegen die Person, die herausfordert und gegen jemanden am Telefon. Gegen Leute also, die sicher gut jassen können. Hat der heilige Benedikt im frühen Mittelalter in seinen Ordensregeln Richtlinien zum Spielen aufgeführt?

Leider nicht, denn er war ein guter Menschenkenner und hätte sicher gute Tipps für mich gehabt. Was er über das Gleichgewicht zwischen Gebet, Arbeit und Bildung sagt, gilt aber auch für das Spielen: Darin entdecken wir unsere Eigenschaften, kommen zu uns selbst und werden beziehungsfähiger. Auch unsere Phantasie regt das Spielen an.

Ora et labora – et lude?

Für den heiligen Benedikt braucht es in allem den Ausgleich, also lasse ich dieses «und spiel» gerne stehen. Die Kapuziner führen im Kloster wöchentlich einen Spielund Jassabend durch. Machen das die Benediktiner gleichsam?

Nein, wir haben andere Formen der gemeinsamen Erholung. Beim Differenzler spielt jeder für sich allein: Kommt Ihnen das entgegen oder spielen Sie lieber im Team?

Ich lerne gerade, dass Fehler beim Differenzler allein gemacht werden. Das hat etwas Entlastendes.

Gibt es Hoffnung, dass im Himmel nicht nur «Halleluja» gesungen, sondern auch gejasst wird? Der Himmel – das Leben in und bei Gott – wird uns alle überraschen: Der Himmel wird erfüllender sein als das schönste Halleluja und als null Punkte beim Differenzler.

Foto: zvg

Abt Urban Federer

Jahrgang: 1968 Wohnort: Einsiedeln Beruf: Ordensmann Hobbys: Kultur, besonders Musik und Bücher

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