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Wie kommen die Schwarze Madonna und das Kloster Einsiedeln an den Lago Maggiore?

Wie kommen die Schwarze Madonna und das Kloster Einsiedeln an den Lago Maggiore? Wie kommen die Schwarze Madonna und das Kloster Einsiedeln an den Lago Maggiore?

Vis-à-vis von Ascona liegt Gambarogno. Im Dorfteil Gerra gibts ein Haus, dessen Fresko den Betrachter nach Einsiedeln versetzt.

VICTOR KÄLIN

Das staunte der Tessin-Kenner Michael Matile aus Einsiedeln nicht schlecht: In Gambarogno, unweit der Italienischen Grenze, trifft man am Weg Richtung Indemini unverhofft auf ein Fresko, das zweifelsohne seinem Wohnort gewidmet ist: der Schwarzen Madonna und dem Benediktinerkloster.

«In Gedenken an C.R.»

Und da der 58-jährige Matile Dozent für Schweizer Kunst und Museologie am Kunsthistorischen Institut der Universität Zürich ist, war auch sein berufliches Interesse geweckt: In der Überschrift im Rundbogen (siehe Schwarz-Weiss-Aufnahme) hoffte er Hinweise zur Entstehungsgeschichte zu finden. Folgende Hypothese erscheint ihm mindestens nicht abwegig: Der Schriftzug «Ricordo della C.R.» bedeutet, dass das Fresko «In Gedenken an C.R.» gemalt worden sein dürfte. «L.P. fece fare» sei eine gängige Bezeichnung für den Auftraggeber, und L.P. wohl dessen Initialen.

Die Daten auf der linken Rundbogenhälfte (22. 10. 1909) könnten Lebensdaten der oder des 20-jährigen C.R. gewesen sein. L.P. wäre dann vermutlich ein Vorbesitzer der heutigen Eigentümer gewesen. Das Fresko wäre dann 1909 oder später gemalt worden. Viele Rustici im Tessin, so Michael Matiles Anmerkung, entstanden um 1900. Doch was es mit dem «Postboten» auf sich hat, der direkt vor dem Kloster steht, ob es sich gar um den Pilger und möglichen Auftraggeber des Freskos L.P. handelt, weiss Michael Matile ebenso wenig wie die heutigen Besitzer des Rusticos. Früher war da ein Weinberg

Das Haus in Gerra Gambarogno war früher ein Rustico mit Stall in einem grossen Weinberg, der Rovedana genannt wurde. Wie die heutigen Besitzer, die Familie S. aus Dornach erklärt, umfasste das alte Rustico vier getrennte Räume: Zwei für die Tiere mit je einem kleinen Gitterfenster im Parterre, sowie im ersten Stock zwei weitere mit je einem primitiven Kamin und einem kleinen Gitterfenster. Es wurde vermutlich teilweise bewohnt, befindet sich daneben doch ein alter Hühnerstall mit einem Kühlkeller. Das Haus liegt am «Weg der Mühen der Frauen von Indemini ».

In den Besitz der Familie S. kam das Haus 1957. Die vormaligen Besitzer waren die beiden Tessiner Amabile Guerra, Baumeister aus Isone, und Edoardo Nonella aus Camorino. Wann das Haus genau erbaut wurde und welche Bewandtnis es mit dem Fresko auf sich hat, wissen die heutigen Eigentümer indes nicht. Festgestellt haben sie jedoch, dass das Madonnenbild mit den Jahren durch Sonne und Regen sehr gelitten hat. In den 50er-Jahren waren sowohl Gesicht wie auch Kleid der Madonna viel schwärzer; wegen der Witterung ist das Fresko über die Jahre ausgebleicht. Die Besitzer haben es deshalb vor ein paar Jahren an den defekten Stellen ausbessern lassen.

Die Familie S. erinnert daran, dass Heiligenbilder in dieser Gegend keine Seltenheit sind. Von Gerra aus führt ein Stationenweg (früher mit wunderschönen Fresken, welche später zerstört und ersetzt wurden) zur Kapelle in Ronco mit Bildern von Antonio da Tradate (1485). Von dort aus geht ein alter Tessinerweg, von denen es in dieser Gegend einige gibt, in gerader Linie am Haus mit der Madonna vorbei zuerst nach Monti di Gerra. Unterwegs findet man noch zwei verfallene Bildstöckli im Wald. Von Monti geht es weiter über den Sattel St. Anna, wieder mit einer Kapelle, nach Indemini.

Wer war wohl C.R.?

Das Madonnenbild hat für die Familie S. «noch immer eine ganz besondere Bedeutung». Auch sie fragt sich, wer wohl C.R. war und ob der Briefträger vor dem Kloster eine bestimmte Bedeutung hat?

Falls jemand etwas über die Herkunft des Freskos weiss, ist die Redaktion froh um entsprechende Hinweise: 055/418’95’57. E-Mail: [email protected]

Die Einsiedler Madonna, das Benediktinerkloster und ein ominöser Postbote: Das Fresko an der Hauswand in Gambarogno.

Die Aufnahme aus den 50er-Jahren weist stärkere Konturen auf; auch die Überschrift im Rundbogen ist gut zu lesen. Fotos: Familienbesitz

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