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50 Jahre Frauenstimmrecht – oder: Warum Schwyz zwei Anläufe brauchte

50 Jahre Frauenstimmrecht – oder:  Warum Schwyz zwei Anläufe brauchte 50 Jahre Frauenstimmrecht – oder:  Warum Schwyz zwei Anläufe brauchte

1971 wurde der Kanton Schwyz überstimmt und 1972 auch noch «freundeidgenössisch genötigt»: Die Einführung des Frauenstimmrechts war hierzulande keine Liebe auf den ersten Blick.

VICTOR KÄLIN

DieAbstimmungüberdasFrauenstimmrecht vom 7. Februar 1971 fand ihren Platz auch im Einsiedler Anzeiger. Angesichts der späteren Entwicklung war die prononcierte Haltung der Zeitung bemerkenswert: Sie setzte sich wiederholt und an prominenter Stelle für ein Ja zum Frauenstimmrecht ein.

EA 15. Januar 1971

Für heutige Verhältnisse war der mediale Abstimmungskampf recht kurz. Angenehm kurz, ist man 50 Jahre später geneigt zu sagen. Im Einsiedler Anzeiger setzte die Diskussion erst ab Mitte Januar richtig ein. Die Zeitung gab am 15. Januar auf der Frontseite gleich den Tarif durch: «Frauenstimmrecht – kein Problem für demokratische Traditionen ».

Die Auseinandersetzung in der Zeitung sollte sich in der Folge auf einige wenige Parteiparolen, je zwei Pro- und Kontra-Inserate, einen Leserbrief sowie doch einige markante Texte des damaligen Redaktors K. Oe. (Rechtsanwalt Karl Oechslin) beschränken.

EA 2. Februar 1971

Fünf Tage vor der Abstimmung geht der Einsiedler Anzeiger auf die häufigsten Gegenargumente ein – wie zum Beispiel «die Hauptaufgabe der Frau als Gattin und Mutter», die «Sorgen um die Mehrbelastung der Frauen durch das Stimm- und Wahlrecht » oder den Vorwurf, «dass sich nichts ändert und eine Einführung sich deshalb auch nicht lohnt». Eine klare Meinung vertrat «Der Bund der Schweizerinnen »(!) gegen das Frauenstimmrecht, welcher wusste, dass «weitblickende Männer» Nein zur Einführung stimmen würden – weil «die Mehrheit der Frauen dagegen ist».

EA 5. Februar 1971

Der Einsiedler Anzeiger lässt auf seiner Frontseite die Bischofskonferenz, die CVP Schweiz, Ständerat Josef Ulrich, Kantonsratspräsident Karl Bolfing sowie Nationalrat Josef Diethelm klar für ein Ja zum Frauenstimmrecht Stellung beziehen. Ebenso prominent ist das Pro-Inserat des «Aktionskomitees für das Frauenstimmrecht (Bern)».

Für ein Ja werben aber nicht nur ausserkantonale Grössen; viele Schwyzer (Männer) stehen namentlich für das Frauenstimmrecht ein. Das Schwyzer Aktionskomitee «Wir stimmen Ja am 7. Februar» steht unter dem Präsidium von Kantonsrat Paul Schwander (Lachen). Folgende Mitglieder sind aus unserer Region: Landesstatthalter Hans Fuchs (Willerzell), Regierungsrat Fritz Husi (Einsiedeln), Theo Fuchs (Einsiedeln), Alfred Kälin (Bennau), Josef Zehnder (Bennau), Paul Brandenberg (Egg), Walter Oechslin, Carl Birchler, Wernerkarl Kälin, Pater Kassian Etter und Oskar Gyr (alle Einsiedeln). Auch vier Rothenthurmer gehörten dem Komitee an: Stefan Schuler, Anton Schuler, Pius Schuler und Klemenz Schuler. Und aus Unteriberg warb der damalige Kurdirektor Jules Eberhard ebenfalls für ein Ja. Alpthal und Oberiberg fehlten in der Auflistung des Ja-Inserates.

EA 5. Februar 1971

Unter dem Titel «Frauenstimmrecht Nein» wird im EA ein anonymes Inserat veröffentlicht: «Einige grosse Wortführer möchten mit Gewalt den Frauen das Stimm- und Wahlrecht aufzwingen, um nachher im Ratssaal auch das zarte Geschlecht bei sich zu haben ? ? ? Die meisten Frauen, Mütter und Töchter wollen dieses gar nicht, es sind nur einige wenige Aspiranten-Frauen. Wir wollen daher unsere guten Frauen in diese manchmal recht unsaubere Politik nicht hineinmanövrieren und stimmen deshalb geschlossen ein kräftiges Nein.»

EA 9. Februar 1971

Von einem «erfreulichen Abstimmungswochenende » schreibt der Einsiedler Anzeiger am 9. Februar, wobei Redaktor Karl Oechslin nicht nur die (gleichzeitig stattfindenden) Lokalabstimmungen meinte, sondern ebenso sehr das landesweite Ja zum Frauenstimm- und -wahlrecht – obwohl der Kanton Schwyz mit 5945 zu 8136 dem unterliegenden Nein-Lager angehörte.

Lediglich drei Gemeinden hiessen im Kanton Schwyz das Frauenstimmrecht gut: Es waren dies Lachen, Wollerau und Freienbach.

Weniger in Erinnerung geblieben ist, dass der Kanton Schwyz am 7. Februar zusätzlich über eine separate Vorlage zur Einführung des Frauenstimm- und Wahlrechts in kantonalen Angelegenheiten abstimmen liess (mit der fakultativen Möglichkeit, das Stimm- und Wahlrecht auch auf Gemeindeebene einzuführen). Diese Vorlage stiess zwar auf mehr Sympathie, doch wurde sie von den Männern mit 6821 zu 7701 ebenfalls abgelehnt.

Auch diese Vorlage hatte in unserer Region einen schweren Stand. Einsiedeln bildete jedoch eine Ausnahme; er hiess das Anliegen mit 51,9 Prozent gut. Folgende Gemeinden stimmten der Vorlage ebenfalls zu: Lachen, Schübelbach, Wangen, Küssnacht, Wollerau und Freienbach. Da der Kanton Schwyz zu beiden Frauenstimmrechts-Vorlagen Nein gesagt hat, auf eidgenössischer Ebene das Stimmund Wahlrecht der Frauen jedoch angenommen wurde, bilanzierte EA-Redaktor Oechslin: «Es wird dem Kanton Schwyz nichts anderes übrig bleiben, als in absehbarer Zeit dem Frauenstimmrecht auch im Kanton und in den Gemeinden zum Durchbruch zu verhelfen […], womit dann auch die Stauffacherinnen auf der ganzen Linie in den Besitz der politischen Gleichberechtigung gelangen werden.» Es sollte aber noch mehr als ein Jahr dauern, bis auch die Frauen im Kanton Schwyz das kantonale und kommunale Stimm- und Wahlrecht erhalten. Wegen der eidgenössischen Zustimmung musste nämlich auch Schwyz «nachbessern», zumal sich die Schlinge immer mehr zuzog.

Am 25. Februar 1972 veröffentlichte der Einsiedler Anzeiger eine Schweizerkarte, die auch visuell klar machte, dass nach den Worten von Redaktor Oechslin «nun doch der Kanton Schwyz und der Kanton Appenzell AR die einzigen Kantone in der Eidgenossenschaft sind, welche bis heute den Frauen die politischen Rechte in irgend einer Form noch nicht gewährt haben».

März 1972 Die zweite kantonale Abstimmung über das integrale Stimmund Wahlrecht in Kantons-, Bezirks- und Gemeindeangelegenheiten fand am 5. März 1972 statt. Im Einsiedler Anzeiger blieb es diesmal ruhiger als ein Jahr zuvor – keine Nein-Komitees und keine Nein-Leserbriefe sind zu finden. Alles Zeichen, dass der Wind tatsächlich gedreht hat? Oder lediglich die trügerische Ruhe vor dem Sturm?

Die Abstimmung brachte ein klares Ergebnis. Von den 30 Schwyzer Gemeinden haben 23 zugestimmt und lediglich sieben verworfen – darunter die Ybriger Gemeinden mit sehr hohen Nein-Anteilen.

Redaktor Karl Oechslin hielt am 7. März fest: «Freuen wir uns über das gute Ende, womit ein weisser Flecken auf der Schweizer Landkarte, der unseren Kanton als noch immer ‹abseits stehend› kennzeichnet, verschwindet und ein schwarzer Tolggen aus dem Reinheft, das heisst aus dem Antlitz unseres Standes Schwyz endgültig ausgemerzt ist.»

«Ob aus Liebe oder Vernunft: ein überzeugtes Ja zum Frauenstimmrecht. »

Haupttitel im Einsiedler Anzeiger vom 5. Februar

«Weitblickende Männer stimmen Nein, weil die natürliche Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau respektiert werden muss.»

Bund der Schweizerinnen, Inserat 2. Februar

«Wir wollen unsere guten Frauen nicht in die unsaubere Politik hineinmanövrieren. »

Anonymes Nein-Inserat

«… sind nun doch Schwyz und Appenzell AR die einzigen Kantone, welche bis heute den Frauen die politischen Rechte nicht gewährt haben.»

Einsiedler Anzeiger, 25. Februar 1972

«Seit dem negativen Entscheid von 1971 hat sich auch bei uns manches gewandelt.»

Einsiedler Anzeiger, 7. März 1972

Inserate im Einsiedler Anzeiger werben im Vorfeld des 7. Februars 1971 um ein Ja, respektive Nein zur Einführung des Frauenstimmrechts.

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