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«Er lässt die Skier auch am Limit laufen»

«Er lässt die Skier auch am Limit laufen» «Er lässt die Skier auch am Limit laufen»

Interview mit Streif-Rekordsieger Didier Cuche – der grosse Stücke auf Urs Kryenbühl hält

Fünfmal hat Didier Cuche in seiner Karriere auf der Streif in Kitzbühel gewonnen. Das ist nicht nur sensationell, sondern unterstreicht, aus welchem Holz der ehemalige Skirennfahrer geschnitzt ist. Im Interview befragten wir den 46-jährigen Neuenburger auch zu Urs Kryenbühl, dem neuen Stern am Schweizer Abfahrtshimmel.

WOLFGANG HOLZ

Herr Cuche, juckt es Ihnen nicht in den Beinen, wenn heute wieder die Abfahrt auf der Streif gefahren wird?

Nein, eigentlich nicht. Ich freue mich auf das Zuschauen. Mein letzter Einsatz ist acht Jahre her, und ich bin nicht mehr so durchtrainiert für so ein Rennen. Das wäre wirklich kein Spass am Start. Das wäre eigentlich fast Selbstmord, wenn ich das tun würde. Warum ist die Streif denn so speziell? Es gibt ja einen Film, der heisst: «Streif – one hell of a ride». Man könnte meinen, dass dieser Film etwas übertreibt. Aber er entspricht der Realität. Es ist ein Dokumentarfilm mit tollen Soundeffekten – er ist richtig gut gemacht. Der Grat bei der Fahrt auf der Streif zwischen alles richtig zu machen, schnell zu fahren und gesund unten anzukommen und etwas falsch zu machen ist wirklich extrem schmal. Wenn man auf der Streif irgend etwas falsch macht, tut es meistens sehr weh. Aber warum ist Kitzbühel so gefährlich?

Wenn man die Piste vor Ort sieht, erklärt sich alles von selbst. Ich versuche es, mit Worten zu beschreiben. Die Streif ist so steil – als ob man im freien Fall aus dem Flugzeug springt. Es gibt auch wenig Platz und Wald, um während der Fahrt sein Rennen zu dosieren. Egal, ob man Vollangriff fährt oder defensiv, man ist immer sehr schnell unterwegs. Was bedeutet das konkret auf der Strecke? Der Start ist zumeist sehr eisig, steil und schlagig. Bei der Mausefalle wird es dann noch steiler, und man springt quasi wie in ein Loch rein. Dann folgen einige extrem steile Kurven. Erst danach gibt es eine Passage, in welcher der Fahrer zehn Sekunden ausschnaufen kann. Die nächsten 30 Sekunden bis zum Hausberg sind dann einigermassen normal, weil die Streif dann nicht mehr so extrem steil verläuft. Die letzten 25 Sekunden vom Hausberg bis ins Ziel hat man dann keine Wahl mehr. Man muss den Punkt in die Linkstraverse treffen – mit der richtigen Dosis von Kraft, damit man heil hinunterkommt. Und wenn man dann noch versucht, schnell zu sein und am Limit zu fahren, um gewinnen zu können, wird die erwähnte Gratwanderung dann ganz, ganz schmal.

Was haben Sie bei Ihren Höllenritten denn schon alles erlebt? Das Schlimmste war für mich meine erste Fahrt 1995. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern: Damals war ich 21 Jahre alt. Von den ersten fünf Fahrern stürzten vier – drei landeten im Spital. Ich hörte immer wieder den Helikopter fliegen, wusste nicht genau, was passiert war. Ich fragte mich, was ich da oben verloren hatte, wenn Weltklassefahrer stürzten. Ich dachte mir, wenn die das nicht in Griff kriegen, werde ich das auch nicht schaffen. Mich plagten schwarze Gedanken von Verletzung bis Sterben. Ich startete dann trotzdem und habe es gut überlebt. Ich kam auch ins Ziel – allerdings mit fast acht Sekunden Rückstand: Trotzdem fühlte ich mich wie ein Sieger. Sie haben danach die Streif fünfmal gewonnen. Das ist unglaublich. Wie fühlt man sich da, wie ein Held? Wie ein Held? ( überlegt). Es ist natürlich schon ein bisschen so: Wenn man über die Ziellinie fährt, es grün aufleuchtet, und rund 50’000 Leute viel Lärm machen, dass man sich dann als Teil der Show vorkommt, die da abgeht. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass so ein Erlebnis dem Ego nicht guttut. Andererseits wird man nicht unsterblich, bloss weil man die Abfahrt in Kitzbühel gewinnt. Gewinnen ist sicher schön – doch andere Klassiker wie Wengen habe ich nie gewonnen.

Sie sagen es. Das Lauberhorn, die Schweizer Paradestrecke, haben Sie nie gewonnen. Wie erklären Sie sich das? Einfach nur Pech oder zuviel Druck, hier gewinnen zu müssen? Wengen war für mich lange Zeit eine Hassliebe, weil ich eben nicht den Schlüssel gefunden hatte für die Fahrt bis zum Hundschopf. Ich hatte auf diesem ersten Drittel schon meistens eine Sekunde verloren. Man braucht beim Lauberhorn alles, um zu gewinnen. Aber eben, als ich wusste, wie ich am schnellsten zum Hundschopf komme, war ich regelmässig top. Allerdings sind dann zweimal Bode Miller und einmal Klaus Kröll einfach schneller gefahren als ich. Es kommt eben nicht immer nur darauf an, wie schnell man selbst unterwegs ist. Es gehört auch Glück dazu, und man muss die Leistungen der anderen respektieren. Vielleicht ist auch etwas dran, dass ein Berg besser auf einen vom Körperbau zugeschnitten ist als ein anderer. Bei Beat Feuz ist es ja genau umgekehrt: Er hat schon mehrere Male Wengen gewonnen – aber noch nie Kitzbühel.

Kommen wir zu einem anderen Fahrer. Urs Kryenbühl ist einer der neuen jungen Wilden im Schweizer Team. Haben Sie ihn schon mal persönlich kennengelernt?

Nein. Natürlich kenne ich ihn von Fernsehübertragungen. Also, ohne Bormio und die Strecke beleidigen zu wollen: Für mich war die Stelvio immer wie ein «Sauhund ». Ich bin diese Strecke nie gerne gefahren: Schlagig, dunkel, schnell. Deshalb Hut ab für Urs und seine hervorragende Leistung in Bormio, wo er nur wenige Hundertstel am Sieg vorbeigefahren ist. Er ist auf einer wilden Strecke wild und top gefahren. Was sagen Sie zu seinen drei Podestplätzen bisher? Die drei Podestplätze sprechen für ihn. Er hat ein grosses Potenzial und Können. Wie gesagt, ich kenne ihn zu wenig. Er ist ein solider Skifahrer, er lässt die Skier gut laufen, auch wenn er am Limit ist. Ich weiss nicht, wie viel Reserve er noch hat in punkto Risikobereitschaft. Im Moment scheint es auf jeden Fall zu passen. Überlegen muss er im Augenblick sicher nicht, und er braucht auch nicht meine Ratschläge. Es scheint momentan so zu funktionieren, wie er es macht. Mit diesem Vertrauen muss er weiterfahren.

Könnte er langfristig gesehen der Nachfolger von Beat Feuz werden? Es ist immer ein bisschen früh, solche Fragen zu stellen. Ja, es kann sein. Es kann aber auch nicht sein, wenn man sieht, wie schnell die Dinge kippen können. Es gibt Athleten, die kämpfen lange, bis dann der Knopf endlich aufgeht. Ich würde sagen, Urs soll Schritt für Schritt vorwärtsgehen. Die Erfolge geniessen und fokussiert und konzentriert bleiben. Wann immer Sie ins Ziel gekommen sind, haben Sie ihren Ski lässig in einem Bogen weggeschleudert und ihn dann mit der Hand aufgefangen wie ein Cowboy, der seinen Colt gezogen hat. Mögen Sie Western? Nein, nicht besonders. Diese Geste ist eigentlich das erste Mal aus Zufall geboren worden, als ich beim Riesenslalolom 2002 in Adelboden die Ziellinie überquert habe und Erster geworden bin. Danach habe ich diese zufällige Geste ein-, zweimal vor der Kamera ausprobiert. Das ging eigentlich flott. Wobei viele Leute irrtümlich geglaubt haben, ich hätte so viel Kraft, dass die Bindung deshalb aufgeht. Dabei habe ich einfach immer hinten schon die Bindung aufgemacht. Letzte Frage: Was machen Sie heutzutage? Lassen Sie es etwas langsamer angehen? Ja, speziell dieses Jahr ist alles etwas ruhiger wegen Corona. Ich bin viel mit Werbepartnern in Sachen Weltcup unterwegs. Normalerweise wäre ich jetzt die ganze Woche in Kitzbühel unterwegs. Nun ist das eben anders. Wobei Corona auch seine gute Seiten hat – dadurch bin ich mehr bei meiner Familie zu Hause und kann mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen.

«Mich plagten vor dem Start schwarze Gedanken – von Verletzung bis Sterben. »

Didier Cuche

«Viele Leute haben irrtümlich geglaubt, ich hätte so viel Kraft, dass die Bindung deshalb aufgeht.»

In der Abfahrt fuhr er immer im Grenzbereich und gehörte dadurch zu den Schnellsten: Didier Cuche. Foto: zvg

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