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«Magie kann eine Flucht aus der Wirklichkeit bedeuten»

«Magie kann eine Flucht aus der Wirklichkeit bedeuten» «Magie kann eine Flucht aus der Wirklichkeit bedeuten»

In drei Monaten ist es so weit: Dem Coronavirus zum Trotz kehrt der Zauberer Peter Marvey auf die Bühne zurück. In seiner Show «Beyond Reality» versucht der 49-jährige Illusionist, einen Blick hinter die Wirklichkeit zu werfen.

MAGNUS LEIBUNDGUT

Wie geht es Ihnen in diesen turbulenten Zeiten?

Es geht mir sehr gut, nachdem ich eine Erkrankung bestens überstanden habe. Ich habe mich mit dem Coronavirus infiziert und lag während dreier Tage im Bett. Die Symptome waren leicht bis mittel, den Geruchssinn habe ich vorübergehend verloren. Das Schlimmste war eigentlich die Angst, dass im Verlaufe der Krankheit der Tag X kommt, von dem an alles wirklich schlimm werden könnte. Aber ich habe mich schnell erholt und freue mich jetzt, dass ich immun bin gegen Covid-19. In welcher Form sind Sie betrieblich von der Corona-Pandemie getroffen worden? Im Juli und September waren Shows vorübergehend möglich. Die Beschränkung auf dreissig Personen machte mir dann aber einen Strich durch die Rechnung, im Dezember «The Magic in You» im Magic House in Feusisberg aufführen zu können. Aber auch ein solcher Virus hat sein Gutes: Durch die coronabedingte Pause hatte und habe ich mehr Zeit, um an meinen Illusionen zu arbeiten und neue Werke zu entwickeln. Ich bin guten Mutes, dass im März der Corona-Spuk vorbei ist und dass dann Vorstellungen im Magic House wieder möglich sein werden. Haben Sie eine Erklärung dafür, welcher Zauberer dieses Virus auf der Welt manifestiert hat? Ich bin mit einem Bein fest in der Realität verwurzelt und also kein Anhänger von Verschwörungstheorien (lacht). Auch wenn ich offen sein möchte für alles, glaube ich doch, dass das Virus von diesem Markt in Wuhan stammt. Ironie des Schicksals ist, dass ich während einer China-Tournee einmal in Wuhan gelandet bin. Was erwartet das Publikum im März im Magic House in Feusisberg?

Es geht um neue Illusionen und und interaktive Magie: Die Magie wird in den Händen aller Zuschauer passieren und dann auf die Bühne überspringen. Mehr darf ich Ihnen nicht verraten. Sonst müsste ich Sie in das Verlies einsperren (lacht). Sollten die Shows erneut nicht durchgeführt werden können, wird das Geld zurückerstattet. Welche Pläne hegen Sie für das kommende Jahr? Während der ersten Welle im Frühjahr waren Aufführungen in China und Zypern geplant. Während der zweiten Welle sind Shows von Grund auf abgesagt und verschoben worden. Im kommenden Jahr sind fix sechs Aufführungen im Magic House in Feusisberg geplant, die im März über die Bühne gehen. Ich hoffe, dass nicht zuletzt dank den Impfungen eine Rückkehr in die Normalität möglich sein wird im Jahr 2021. Ihre Live-Premiere ist mit «Beyond Reality» betitelt: Was verbirgt sich hinter der Wirklichkeit?

In der Magie und Zauberei geht es um das Verhältnis von Realität und Traum. Es geht darum, einen Blick hinter die Wirklichkeit werfen zu können. Nicht alles ist so, wie es scheint. Wir betrügen uns da nur zu oft selber. Fakten und Fake News sind zum beherrschenden Thema auf dieser Welt geworden. Fakten verändern die Welt und sind gleichzeitig ein sehr dehnbarer Begriff. Wenn andere Leute eine andere Meinung vertreten, sollte man diese erst einmal anhören. Man kann natürlich getrost finden, dass alle, die Trump gewählt haben, spinnen und ihnen den Vogel zeigen. Aber ist es auch gerechtfertigt?

Finden Sie die hiesige, «normale » Wirklichkeit kaum zum Aushalten?

Es ist schon mal ganz schwer zu begreifen, was überhaupt die Wirklichkeit ist, was sich hinter der Realität verbirgt. Und dann kommt hinzu, dass ja just in diesem nun zu Ende gehenden Jahr 2020 die Wirklichkeit kaum zum Aushalten war: Eine beschwerliche Zeit war dies allemal. Kein Wunder ist es, wenn dann Mechanismen zum Thema werden, wie wir uns vor den dunklen Seiten der Realität schützen können.

Ist Zauberei eine Flucht aus der Wirklichkeit? Zauberei und Magie können in der Tat eine Flucht aus der Realität bedeuten: indem ich mich in meinen Elfenbeinturm zurückziehe und in Traumwelten flüchte. Es wird dann halt sehr schnell esoterisch: Esoterik ist eine Art Geheimlehre, die nur einem begrenzten Personenkreis zugänglich ist. Bei mir ist Freude und Neugier im Vordergrund, in diese andere Welt vorzustossen, ich bleibe aber immerzu mit einem Bein in der Wirklichkeit und sehe das Ganze aus einer wissenschaftlichen Perspektive. Homöopathie etwa ist für mich keine Wissenschaft: Trotzdem kann sie nützen – dank Placebo- Effekten. Auch die Astrologie mag spannend daherkommen: nur entbehrt sie jeglicher Wissenschaftlichkeit.

War es Ihr Bubentraum, ein Zauberer zu werden?

Zumindest erkenne ich in meinem damaligen Verhalten ein gewisses Talent für Zaubertricks: Ich pflegte Speisen, die mir nicht schmeckten, vom Tisch zum Verschwinden zu bringen (lacht). Natürlich war es mein Traum, das Hobby der Zauberei dereinst zum Beruf zu machen. Bereits in der Schulzeit fristete ich eine Art Doppelleben: Statt in der Schule aufzupassen, trainierte ich meine Hände unter der Schulbank. Später brach ich dann mein Architektur- Studium ab, um mich ganz meiner Leidenschaft widmen zu können.

Wie kamen Sie auf die Idee, aus der Zauberei ein Geschäftsmodell zu machen?

Ich habe an mich und meinen Traum geglaubt und bin meinen Weg gegangen. Wenn ich hingegen auf die Ratschläge meines Umfelds gehört hätte, wäre ich nie professioneller Illusionist geworden: Natürlich hat man mir geraten, die Finger davon zu lassen und besser einen vernünftigen Beruf in Angriff zu nehmen. Und ich kann nun meinerseits den Jungen kaum raten, meinem Weg zu folgen: Es ist ein schwieriges Métier, und damit Erfolg zu haben, dafür braucht es auch viel Glück im Leben. Auf der anderen Seite gibt es kaum etwas Besseres, seinen Traum umzusetzen und zu leben, ganz seiner Leidenschaft zu folgen. Leben alle Zauberer in der Nacht und schlafen am Tage? Nicht alle: Es gibt bei den Magiern sowohl Eulen wie Lerchen. Ich selber bin in der Tat ein Abendmensch und lasse mich gerne von der Nacht inspirieren. Naturgemäss stehe ich dementsprechend selten sehr früh auf (lacht). Wenn Sie drei Wünsche frei hätten: Was würden Sie sich wünschen?

Erstens dass sofort und unverzüglich dieses Coronavirus aus und von der Welt verschwinden möge. Zweitens dass die Menschen mehr Toleranz üben würden. Und drittens, dass ich noch viel mehr Wünsche frei hätte … Was gehört zum wunschlosen Glück im Leben? Dass man wohl nicht mehr dem Glück hinterherrennen mag und das Glück nicht als oberstes Ziel im Leben betrachtet. Glücklich ist, wer sich in Gelassenheit seinem Schicksal ergibt. Ich staune etwa über Menschen, die schwer von einer Krankheit gezeichnet sind – und trotzdem glücklich leben können, fröhlich sind und friedsam. Ist alles Schicksal oder Zufall?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass alles Schicksal sein soll und damit vorherbestimmt. Ist es nicht so, dass uns vieles in unserem Leben einfach so zufällt? Alles bewegt sich in einem Raum-Zeit-Kontinuum und darin gibt es so manche Zufälle. Ein Schmetterling kann mit einem Flügelschlag dank der Chaostheorie einen Tornado auslösen. Darin zeigt sich, dass man hier eher von einem Zufall als denn von einem Schicksal sprechen könnte.

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tode?

Ja, daran glaube ich. Zumindest hoffe ich auf ein Dasein jenseits unseres Todes. Ich staune darüber und bin deswegen auch unendlich betrübt, dass es noch kein Wissen über das Leben nach dem Tode gibt. Und weil es eben kein Wissen über das Jenseits gibt, bleibt uns nichts anderes übrig, als daran zu glauben. Ich würde mich denn auch nicht als einen Atheisten bezeichnen – schon aus meinem Unwissen heraus. Auch wenn es schwer fällt, ein göttliches Wesen logisch erklären zu wollen. Wohin bewegt sich die Welt?

Die Sonne geht nach wie vor im Osten auf und wird dies auch weiterhin tun (lacht). Allerdings bewegt die Welt sich immer schneller: Die Beschleunigungskurve zeigt aufwärts. Und auch jenseits der Physik scheint für die Menschen, je älter sie werden, die Zeit aufgrund eines subjektiven Eindrucks immer schneller zu vergehen. Ist das nicht ein Spiegelbild für das Geschehen hier auf der Erde? Alles wird immer schneller und schnelllebiger auf der Welt. Nur schon in welchem Tempo sich das Coronavirus auf der Erde verbreitet und diesen Planeten in Beschlag genommen hat – atemberaubend.

Der 49-jährige Illusionist und Zauberkünstler Peter Marvey ist nach überstandener Corona-Erkrankung wieder gesund und munter. Peter Marvey tritt im März im Magic House auf: Das magische Haus in der First in Feusisberg bietet Platz für 99 Besucher. Fotos: zvg

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