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Nach der Reise ist vor der Reise

Nach der Reise ist vor der Reise Nach der Reise ist vor der Reise

Während drei Tagen knüpften mehr als 20 Besitzer von Fernreisemobilen in Studen an ihrem analogen Netzwerk. Die Overlander tauschten Tipps aus und erzählten von Erlebnissen und Träumen.

FRIEDA SUTER

Am «Lagerfeuer» analoge Kontakte pflegen, um das lose Netzwerk weiter wachsen zu lassen, war die Vorgabe für das fünfte Treffen von Overlandern in Studen von Anfang September. Eingeladen hatten Gabi Küng und Peter Strub aus Schindellegi, die seit Jahren mit ihrem Lastwagen- Wohnmobil Globi (pegasus- unterwegs.ch) auf verschiedenen Kontinenten individuell reisen. Da der Platz beschränkt war, konnten nur angemeldete Kollegen teilnehmen, es kamen 46 Personen mit 21 Expeditionsmobilen.

«Der Platz ist sehr gut belegt. Offenbar sind derzeit einige von Einschränkungen beim Reisen betroffen», sagte Peter Strub. Er weiss, wovon er spricht. Seine Reise in Südamerika wurde in Argentinien vom Corona-Lockdown abrupt gestoppt. Globi blieb vor Ort, das Höfner Paar schaffte die Heimkehr mit dem letzten Rückkehrer- Flug. Noch ist ungewiss, ob und wann die Reise weitergehen kann.

78 Tage im Paradies

Mit ihrem Fahrzeug schafften es Gloria Colombi und Renato Dotta von Südamerika zurück in die Schweiz. Auch sie waren vom Lockdown betroffen. Geplant hatte das in Bellinzona wohnhafte Paar, vier Jahre etappenweise in Südamerika zu reisen. Dieses Vorhaben endete jedoch in Kolumbien.

«Wir schafften es noch aus Uruguay zurück in den Norden von Kolumbien. Dort fanden wir Platz auf einem paradiesischen Campingplatz. Dieser wurde aber nach zwei Tagen geschlossen und damit für 78 Tage zum neuen Zuhause», sagt Gloria Colombi. Es waren nur noch sechs Gäste und die Betreiberfamilie vor Ort. Die kleine Gemeinschaft machte das Beste aus der Situation. Einkäufe musste man bestellen, aber vor Ort gab es frische Früchte und für Abwechslung sorgten Papageien und Hunde, die Vertrauen zu den Gästen aufbauten. Renato Dotta konnte zudem einer Familie helfen, ihr Auto zu reparieren.

Mitte Juni ergab sich die Möglichkeit, den Lastwagen in Cartagena für die Heimreise auf ein Schiff zu verladen und Flugtickets von Bogota nach Wien zu kaufen. Schwieriger war es, von Cartagena nach Bogota zu reisen. «Schliesslich fanden wir für die 18 Stunden dauernde Fahrt Platz in einem Bus, der zum Glück nicht voll besetzt war», sagt Renato Dotta.

Inzwischen sind die Tessiner und ihr Lastwagen wieder in Bellinzona. Der Abstecher nach Studen war eine willkommene Gelegenheit, alte Bekanntschaften aufzufrischen. Teilweise hatte man sich schon auf Afrika-Reisen oder auch in Südamerika getroffen. Und natürlich werden auch schon wieder Zukunftspläne geschmiedet. Vielleicht geht es schon im Herbst in Richtung Sizilien. Das nächste grosse Vorhaben ist die Fahrt auf der Seidenstrasse.

Reisen und arbeiten «Wir wechseln zwischen Reisen und Arbeiten ab», erklärt Renato Dotta. Der heute 64-Jährige konnte sich dieses Leben einrichten, nachdem er die Rennfahrerkarriere 2005 aufgegeben hatte. Er ist ab dem 17. Lebensjahr Gokart und ab 1977 in der Schweizer Formel-3-Meisterschaft gefahren sowie von 1999 bis 2005 mit Porsches in mehreren Meisterschaften. Sein bestes Ergebnis war 2002 der Sieg zusammen mit Ivan Jacoma im Porsche GT3 Cup (Französische Meisterschaft).

In den Monaten im Tessin wird Renato Dotta wieder zum Fahrlehrer, der unter anderem spezielle Kurse für sicheres Fahren anbietet. Dass er auf den grossen Reisen am Steuer sitzt, ist verständlich. Das aktuelle Fahrzeug, ein 18 Tonnen schwerer MAN-TGS-Lastwagen mit 360 PS und mit massgeschneidertem Aufbau, bekam in Anlehnung an eine Wolke den Namen Nimbus (nimbusontheroad. com).

Gloria Colombi war früh vom Reisevirus infiziert. Die Tessinerin lebte nach der Ausbildung in der Deutschschweiz und dann mehrere Jahre in Australien. Sie ist unter anderem als Tanzlehrerin selbstständig tätig. Sie sagt: «Wir reisen langsam.» Damit meint sie vor allem auch achtsam.

20 Jahre Erfahrung Ebenfalls in Studen zu Gast waren Franziska und Claudio Foiera aus Interlaken. Das Architektenpaar reist seit 25 Jahren, anfänglich mit Motorrädern, seit Jahren mit den beiden Kindern im umgebauten und angepassten Toyota Landcruiser mit Hubdach. Im Lauf der Jahre kamen rund 100’000 Reisekilometer zusammen. «Meistens waren es kleinere Reisen, so wie dies mit Ferienplänen und dem Arbeiten möglich war», sagt Claudio Foiera. Ihr Fahrzeug passt noch knapp in einen Container und war ebenfalls schon in Südamerika unterwegs. Im vergangenen Herbst reiste die Familie in Marokko. Das Fahrzeug blieb für eine Fortsetzung im Januar dort. «Das hat gerade noch geklappt. Ob die geplanten drei Wochen im Herbst in Italien möglich sind, wird sich weisen», erzählt Franziska Foiera.

Mit dem Selbstständigwerden der Kinder entwickeln sich für das Paar neue Reisemöglichkeiten. Sie planen den Aufbau für ein grösseres Fahrzeug. Das Treffen in Studen nutzten sie zum Ideen sammeln. «Das nächste Fahrzeug soll wohnlich und auf unsere Bedürfnisse angepasst sein», sagen die beiden. Sie haben zwar keine Ralleyambitionen, wissen aber, dass die Strassen nicht in allen Ländern dem Schweizer Standard entsprechen. «Südamerika ist ein Traum von uns», sagen sie. Ihr Ziel ist «anders reisen, entschleunigt, wenn es schön ist, ein paar Tage bleiben und dank eigener Stromproduktion und Vorräten unabhängig zu sein». Da beide mehrere Sprachen sprechen, fällt es ihnen auch leicht, Kontakte zur örtlichen Bevölkerung zu knüpfen. «Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Menschen in den meisten Ländern gar nicht so verschieden sind. Die meisten wollen friedlich leben, Arbeit und ein Dach über den Kopf haben. » – Oder sich treffen, um Freundschaften zu pflegen, Erfahrungen auszutauschen und Tipps zu sammeln.

Zum fünften Fernwehtreffen in Studen fanden sich 22 Teilnehmer mit ihren eigenen Fahrzeugen ein. Foto: zvg

Franziska und Claudio Foiera aus Interlaken reisten in den letzten Jahren mit ihren Kindern im Landcruiser mit Aluminiumkabine und Hubdach.

Peter Strub und Gabi Küng mussten ihr Fahrzeug Globi in Argentinien einstellen. Deshalb kamen sie mit dem Sleeptrailer nach Studen.

Gloria Colombi und Renato Dotta aus Bellinzona sind jedes Jahr mehrere Monate mit ihrem Overlander unterwegs. Fotos: Frieda Suter

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