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«Jeder Mensch sollte singen, weil es der Seele gut tut»

«Jeder Mensch sollte singen,  weil es der Seele gut tut» «Jeder Mensch sollte singen,  weil es der Seele gut tut»

Nadja Räss, eine der vielfältigsten Jodlerinnen der Schweiz, unterrichtet seit dem Studienjahr 2018/2019 an der Hochschule Luzern das schweizweit einzigartige Hauptfach Jodel. Zugleich ist sie Fachverantwortliche für den Schwerpunkt Volksmusik. Daneben tritt Räss unter anderem mit dem Schwyzerörgeler Markus Flückiger auf. Im März präsentieren sie ihr neues Bühnenprogramm.

MIT NADJA RÄSS SPRACH IRENE LUSTENBERGER

Jodeln, Juchzen, Zäuerlen – der Laie blickt bei so vielen Ausdrücken nicht durch. Können Sie diese bitte kurz erklären? Jodeln ist der Oberbegriff. Das ist die Art, Silben zu singen und dabei zwischen Kopf- und Bruststimme zu wechseln. Juchzen ist, wenn man auf den Bergen einen Schrei – oder eben Juchz – loslässt. Im Muotatal ist ein Naturjutz eine Melodie, die man singt. Und Zäuerli sagt man in Appenzell Ausserrhoden zu einem traditionellen Naturjodel. Zäuerli stammt vom altgermanischen Wort «Zaur», was Ruf oder Schrei bedeutet. In Innerrhoden heisst es Ruggusseli. Wie sind Sie zum Jodeln gekommen?

Mein Vater ist ein Innerrhödler, aber in Appenzell Ausserrhoden aufgewachsen. Meine Onkel waren teilweise in Jodelchören aktiv, und so wurde an jedem Familienfest gejodelt respektive zäuerlet. Mein Vater ging mit seinen Brüdern Silvesterchlausen und nahm mich jeweils mit. Meine Mutter kommt aus dem Ybrig und hat zu Hause oft Jodelmusik, vor allem das Pragelchörli, angehört. Und ich habe jeweils mitgesungen. Was macht für Sie die Faszination am Jodeln aus? Das Schönste daran ist, dass ich keine Worte brauche, um jemandem etwas mitteilen zu können. Es gibt verschiedene Hypothesen, wie das Jodeln entstanden ist. Eine davon ist die Affekt-Hypothese, die besagt, dass Jodeln ein Ausdruck von Gefühlen ist. Und das ist für mich stimmig. Zudem ist Jodeln verbindend. Vor allem in der Ostschweiz ist dies ausgeprägt. Da kann man in einer Beiz sitzen und spontan zusammen ein Ruggusseli oder Zäuerli zum Besten geben. Oder wenn ich mit meinem Jodelklub in Einsiedeln probe und wir zu einem Instrument zusammenwachsen. Das sind unbeschreibliche Momente. Sie haben es erwähnt: Sie haben Appenzeller Wurzeln, sind aber in Einsiedeln aufgewachsen. Jodelt man im Appenzell anders als in der Innerschweiz? Es gibt zwei Arten von Jodeln: Das Jodellied ist mit Text, der Naturjodel ohne. Der traditionelle Naturjodel klingt im Appenzell definitiv anders als in der Innerschweiz. Die Innerschweizer sind ruppiger und mit kürzeren Jützen unterwegs, im Appenzell sind es ruhigere, melancholische Melodien.

Sie sind seit 2018 Dozentin für Jodel an der Hochschule Luzern. Das Studienfach ist schweizweit einmalig. Das heisst, Sie mussten bei Null beginnen? Ich wurde Dozentin, weil die Nachfrage da war. Der Schwerpunkt ist Volksmusik, das Instrument Jodel. Es gab keinen Lehrgang, und ich konnte nicht einfach ein Buch zücken. Aber ich habe selbst studiert, das Lehrdiplom gemacht und unterrichte seit vielen Jahren. Ausserdem habe ich ein Lehrmittel fürs Jodeln geschrieben. Darauf kann ich meinen Lehrplan aufbauen. Die Studierenden bringen bereits Vorkenntnisse mit, und so können wir mehr in die Tiefe gehen. Das ist intensiv und sehr bereichernd. Wie sieht dieser Studiengang aus? Ich sehe jede Studentin pro Woche 90 Minuten. 45 Minuten arbeiten wir an der Technik und 45 Minuten am Repertoire. Beim Repertoire nehmen wir uns pro Semester einem Thema an, zum Beispiel Innerschweizer Naturjodel. Das Transkribieren nimmt dabei einen wichtigen Teil ein. Bei einer anderen Studentin ist die Jodlerin Vreni Kneubühl ein Thema, und einer Studentin aus dem Wallis habe ich den Auftrag gegeben, sich über die Jodelliteratur aus dem Wallis schlau zu machen. Im aktuellen Semester haben die Studenten mit Schwerpunkt Volksmusik das Fach «Arrangieren und Komponieren ». Da sind meine Jodlerinnen auch mit dabei. Und wie alle Musikstudenten lernen sie auch Musiktheorie und -geschichte. Welches Fazit ziehen Sie nach einem Jahr? Es ist eine sehr spannende und bereichernde Arbeit, die ich nicht mehr missen möchte. Ich konnte selbst auch viel lernen und werde gefordert. Es macht einen Unterschied, ob man eine Musikstudentin oder einen Hobby-Jodler unterrichtet. Ich habe auch Studierende aus anderen Profilen, die das Variantfach Jodeln belegen, beispielsweise eine Jazzsängerin. Ich habe sie gefragt, warum sie das Variantfach Jodeln belegt, und sie sagte, dass ihre Grossmutter gejodelt, sie diese aber nie kennengelernt habe. Ihre Grossmutter war eine berühmte Jodlerin, und von ihr gibt es Aufnahmen auf Schellackplatten. Wir üben jetzt zwei Lieder ihrer Grossmutter ein. Dieses Graben in den Wurzeln ist auch für mich sehr spannend, und ich entdecke oft etwas, das ich noch nicht wusste. Man hört nie auf, zu lernen. Was geben Sie Ihren Schülern mit auf den Weg? In erster Linie die Technik des Jodelns. Wichtig ist, dass sie die Stimme beherrschen und nicht die Stimme sie. Dazu gehört die Atemschulung, die Körperarbeit und dass sie sich in den Stimmregistern, die man zum Jodeln braucht, zu Hause fühlen. Die Aufgabe während des Bachelor-Studiums ist, die Studenten auf ihrem Instrument fit zu machen und ihren musikalischen Rucksack möglichst breit zu füllen. Das eine davon braucht man dann mehr, das andere weniger.

Kann jeder Jodeln lernen?

Ja, grundsätzlich schon. Ich finde sowieso, dass jeder Mensch singen sollte, weil es der Seele gut tut. Die Frage ist, was man damit erreichen will: Möchte man Karriere machen oder es als Hobby ausüben? Es gibt Stimmen, die eignen sich besser, und man muss weniger investieren. Aber es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.

Was braucht es, um ein guter Jodler zu werden? Eine Stimme, die gut zwischen den Registern hin- und herwechseln kann. Es gibt ganz wenige Stimmen, die von Natur aus nur ein Register haben. Diese sind fürs Jodeln weniger geeignet, da man dafür einen grossen Stimmumfang braucht. Männer brauchen Zugang zu ihrem Falsett- Register, also zu den ganz hohen Stimmen. Ein Stück weit ist das aber trainierbar. Sie sind an der Hochschule zugleich Fachverantwortliche Volksmusik. Was ist Ihre Aufgabe?

Meine Aufgabe ist, innerhalb des Schwerpunkts Volksmusik das Programm zu generieren. So habe ich die Talks «Über Volksmusik reden» eingeführt. Da werden Gäste eingeladen – pro Semester ungefähr vier – mit denen ich vor den Studenten spreche. Es gibt auch Podcasts. Bisher waren zum Beispiel Willi Valotti, Domenic Janett, Ueli Mooser oder Fränggi Gehrig – ein ehemaliger Musikstudent – eingeladen. Es sind jeweils spannende Gespräche über ihre Musik oder ihre Kompositionen. Manchmal gibt es anlässlich des Talks dann auch eine Stubete.

Zudem bespreche ich mich mit den Dozenten und liefere Ideen für die volksmusik-spezifischen Fächer. Zusammen mit meiner Chefin, der Leiterin des Instituts für Jazz und Volksmusik, überdenke und hinterfrage ich das Studium. Dieses gibt es inzwischen zehn Jahre, und so habe ich unter anderem bei ehemaligen Studierenden eine Umfrage gemacht. Was ich sehe, ist, dass durchaus Optimierungspotenzial besteht. An den Infotagen mache ich das Studium nahbarer. Wichtig ist, dass die Leute wissen, dass die Volksmusik und das Jodeln nicht verakademisiert werden. Es ist nicht so, dass man nur Jodeln oder Volksmusik machen kann, wenn man studiert. Im Gegenteil: Es soll alles nebeneinander Platz haben. Wir entwickeln nicht nur Neues, sondern befassen uns auch intensiv mit den Wurzeln. Wenn Sie die Jodelszene von heute mit derjenigen von früher vergleichen – was sagen Sie dazu? Der Eidgenössische Jodlerverband wurde 1910 gegründet, und damals war das Jodeln vor allem in der Vokalisation sehr vielfältig. Die haben einfach frisch von der Leber gesungen und brauchten ein «e», ein «i», ein «a», ein «Dulidu» oder ein «Düridi». Heute ist das viel strikter, und es wird vorgegeben, was man darf und was man nicht darf. Das Jodeln ist reglementierter geworden. In der Gründungsschrift steht unter anderem: «Wir wollen das freie und echte Jutzen unserer Bergler pflegen und fördern.» Hört man an Jodelfesten den verschiedenen Formationen zu, stellt man fest, dass das Jodeln zum Kunstgesang geworden ist. Und das finde ich schade. Selten hört man an Jodlerfesten einen urchigen Naturjutz als Wettvortrag.

Sie stehen mit diversen Projekten auf der Bühne, unter anderem mit dem Schwyzerörgeler Markus Flückiger. Im März präsentieren Sie Ihr neues Bühnenprogramm. Was können Sie uns dazu verraten? Wir haben mehr als ein Jahr lang regelmässig geprobt und neue Musik entwickelt. Musik, die sich an den Wurzeln des Jodelns orientiert, bei der wir aber andere Klänge gesucht habe. Wir haben die Instrumente Stimme und Örgeli ausgelotet. Markus und ich sind der Meinung, dass Musik wie guter Wein reifen muss. Deshalb haben wir uns viel Zeit gelassen. Einige Stücke haben keinen Text, andere wiederum sind vertonte Gedichte von Meinrad Lienert. Premiere des neuen Programms ist am 13.März im Museum Fram in Einsiedeln. Dies deshalb, weil das Museum Fram wohl die meiste Literatur von Meinrad Lienert besitzt. Die neue CD trägt den Titel «Fiisigugg ». Was hat es damit auf sich?

Dieses Wort haben wir bei Meinrad Lienert aufgeschnappt. Er hat das Wort «Fiisigugg» im Zusammenhang mit Paracelsus gebraucht. «Fiisi» ist abgeleitet von «Tüftler» respektive Physiker, und «Gugg» stammt vom altgermanischen Wort «Gaug», was «Gaukler» bedeutet. Zusammengefasst also der tüftelnde, unterhaltende Typ. Und als das sehen wir uns auch. Was darf man von Ihnen in naher und ferner Zukunft erwarten?

Ich probiere immer Neues aus. Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich den Werkbeitrag des Kantons Schwyz erhalten, den ich dazu nütze, meine Stimme weiterzuentwickeln. So besuche ich in diesem Semester Jazzgesangsstunden. Ausserdem habe ich in der Bibliothek des Klosters Einsiedeln Literatur gefunden, die noch nicht oft gesungen wurde. Da gibt es aber noch nichts Konkretes. Das Hauptprojekt ist moment wie erwähnt «Fiisigugg ». Nebenbei bin ich als Solistin unterwegs und gebe Jodelunterricht.

Wenn Sie sich im Bereich Jodeln/ Volksmusik etwas wünschen könnten, was wäre das? Was ich mir wünsche, ist mehr Offenheit. Und zwar in allen Bereichen, nicht nur im Jodeln.

«Wir entwickeln nicht nur Neues, sondern befassen uns auch intensiv mit den Wurzeln.» «Das Jodeln ist reglementierter geworden.»

Nadja Räss: «Jodeln ist ein Ausdruck von Gefühlen.» Foto: zvg

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